Hans Sahl
Der verlorene Sohn

[erschienen 1943 in den „Deutschen Blättern“, Santiago, Chile]

Als nun die Zeit gekommen war
Und der verlorene Sohn sich aufmachte,
das Haus seiner Väter zu suchen,
da stand eine Tür offen,
irgendwo in einer Stadt,
die noch nicht ganz zerstört war,
und er hörte Schritte gehen
und das Klappern von Löffeln,
und er sprach:

Bist du es,
die hier sitzet
hinter dieser Schwelle
in dem Haus mit den vielen Gerüchen?
Bist du es,
die mich rief
über viele Meere hinweg?
Siehe, ich komme einen langen Weg daher.
An viele Türen klopfte ich,
über viele Gebeine stieg ich hinweg.
Ich sah den Himmel sich verfinstern über den Städten,
und ich wusste nicht mehr,
ob es Nacht war oder Morgen.
Meine Speise kochte ich an den Feuern der Zerstörung,
über Gräbern schlug ich mein Wasser ab.
Vielen Herren diente ich und lernte,
meine Gedanken in vielen Sprachen zu verbergen.
Doch nun ist es genug,
und ich bin heimgekommen,
das Feld zu bestellen
und die Schafe meines Vaters zu hüten
und die Beine unter dem Tisch auszustrecken,
wenn es Abend wird und nichts mehr zu tun ist,
und ich will guter Dinge sein
und bei Euch bleiben bis ans Ende meiner Tage.

Da antwortete ihm eine Stimme,
und sie kam von weit her, und sie sprach:

Wer bist du?
Dies ist nicht deine Tür,
und dies Haus ist nicht dein Haus.
Fremde Menschen wohnten hier,
fremd an Sitte und Gebaren,
und sie lehrten uns, deinen Nächsten zu hassen
wie dich selber.
Viele von uns
Folgten ihrem Beispiel,
und die Erinnerung an das,
was geschehen ist,
lastet schwer auf uns allen,
und du wirst Mühe haben,
uns zu verstehen,
wenn du am Abend heimkommst
und die Beine unter dem Tisch ausstrecken willst.

Doch der Sohn glaubte ihr nicht,
denn er hörte Schritte gehen,
die ihm bekannt vorkamen,
und er legte sein Ohr an die Mauer und sprach:

Warum verbirgst du dich vor mir?
Bist du es nicht,
die hier sitzet
in der Melancholie des Nachmittags?
Warum ist es so schwer,
durch diese Tür zu gehen
in das Haus meiner Kindheit,
da wir tafelnd saßen,
du und meine Brüder,
und mein Vater die Seiten des Buches umwandte?
Siehe, er wartet auf mich,
und es ist schon spät,
und er kann nicht schlafen
in dem Haus mit den vielen Gerüchen.

Da antwortete ihm eine Stimme,
aber es war nicht mehr dieselbe, und sie sprach:

Lass sie, die schlaflos sind,
schlaflos bleiben,
Niemand wird dir öffnen,
wenn du Einlass begehrst,
und du wirst nicht finden,
was du suchst,
weil nichts mehr da ist,
woran du es erkennen könntest.

Bald wird die letzte Tür zuschlagen,
und die Nacht wird kommen
und dich allein finden
unter den Bäumen.
Gehe, und frag nicht mehr.
Du selbst bist es,
der auf dich wartet,
irgendwo in einer Stadt,
die noch nicht gegründet,
hinter einer Tür,
die noch nicht eingelassen wurde,
du selbst bist es,
der die Steine tragen
und die Bäume fällen muss,
aus denen die Stadt und die Tür und das Haus
gebaut werden sollen.

Da verbarg der Sohn sein Gesicht,
und er ging zurück zu den andern, und er sagte:

Das Haus meiner Väter steht nicht mehr.
Nichts ist mehr, wie es war,
und nichts wird mehr sein,
wie es gewesen ist.
Kommt, lasst uns Umschau halten
Unter unsern Brüdern
Und die Weisen und Tüchtigsten
Zu unsern Ratgebern ernennen.
Nichts ist geschehen, was nicht
wiedergutgemacht werden könnte,
und es wird eine Zeit kommen,
da man begreifen wird,
wie alles geschah
und wer es geschehen ließ
und wer nicht.
Dies ist die Stunde der verlorenen Söhne.
Lasst uns Brote aus Steinen machen
Und den Toten eine Messe lesen.

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Ich weiß, daß ich bald sterben werde

Ich weiß, daß ich bald sterben werde,
zu lange schon war ich auf dieser Welt zu Gast,
auf diesem Flecken, diesem Stückchen Erde,
das du, mein Gott, wenn es dich gibt, mir gabst.

Was bleibt von all dem, das ich tat und lebte?
Nur eine Kleinigkeit: Ein Mensch fand statt.
Ein Mensch, der weiß, daß er nun sterben werde
und müde ist und sagt: ich hab es satt.
Fast schon so alt wie dieses mein Jahrhundert
der Flammenmeere, Mörder, Folterungen,
der Volksverderber und der Volksverächter,
geliebt, gehaßt, gefürchtet und bewundert.

So nehmt, o Brüder, eine Hand voll Erde
und gebt sie mir zum Abschied auf den Weg.
Ich weiß, daß ich bald sterben werde.
Ein Gast nimmt leise seinen Hut und geht.