Ein Gruß an Heinrich Heine


Wirklich, ich kenne keinen imposanteren Anblick, als vor der Hundebrücke stehend nach den Linden hinaufzusehen. Rechts das hohe prächtige Zeughaus, das neue Wachthaus, die Universität und Akademie. Links das königliche Palais, das Opernhaus, die Bibliothek usw. Hier drängt sich Prachtgebäude an Prachtgebäude...Wie gefällt Ihnen aber die Universität? Fürwahr, ein herrliches Gebäude! Nur schade, die wenigsten Hörsäle sind geräumig, die meisten düster und unfreundlich, und, was das schlimmste ist, bei vielen gehen die Fenster nach der Straße und da kann man schrägüber das Opernhaus bemerken. Wie muß der arme Bursche auf glühenden Kohlen sitzen, wenn die ledernen, und zwar nicht saffian- oder maroquinledernen, sondern schweinsledernen Witze eines langweiligen Dozenten ihm in die Ohren dröhnen, und seine Augen unterdessen auf der Straße schweifen und sich ergötzen an dem pittoresken Schauspiel der leuchtenden Equipagen, der vorüberziehenden Soldaten, der dahinhüpfenden Nymphen und der bunten Menschenwoge, die sich nach dem Opernhause wälzt.. Wie müssen dem armen Burschen die 16 Groschen in der Tasche brennen, wenn er denkt, diese glücklichen Menschen sehen gleich die Eunike als Seraphim oder die Milder als Iphigeneia. "Apollini et Musis" steht auf dem Opernhaus, und der Musensohn sollte draus bleiben?
Nein, nein, lieber Harry, er braucht keineswegs draußen zu bleiben, wenn ein wunderbarer dänischer Bariton Deines zweihundertsten Geburtstages gedenkt und Dir und Deinen Liedern einen Abend im Apollo-Saal der Deutschen Staatsoper Berlin Unter den Linden widmet. Dir, der Du auf dem Friedhof des Pariser Montmartre ruhst, wo Dir heute Deine Dich ewig liebenden Freunde stets frische Blumen und selbstverfasste Gedichte aufs Grab legen. In welch falscher Posizion, die das Exil mit sich bringt, musstest Du Dein Dasein bewältigen; in welch elender, acht Jahre dauernder Matratzengruft endete Dein Leben! Verdammt dazu, bei wachem Geist das schreckliche Schrumpfen Deines Körpers, an dem leblose Beine hingen, erleben zu müssen, kämpftest Du poetisch-literarisch-politisch bis zuletzt an allen Fronten. Nur zwei Tröstungen saßen am Ende kosend an Deinem Bett, wie Du selbst sagtest, Deine französische Hausfrau und Deine deutsche Muse. Und allen Widersachern und Feinden zum Trotz siegten Dein scharfer analytischer Geist, Deine Sensibilität, Dein melancholischer Humor, Dein aggressiver Witz, Deine schonungslosen Wahrheiten, Dein rücksichtsloser Durchblick, Dein unbestechlicher Weitblick und Deine Prophezeihungen über das körperliche Absterben und sind jetzt noch so lebendig wie damals. Dessen, was Du 1822 sagtest: Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen, erinnert man sich heute auf dem Bebelplatz neben dem Opernhaus in einem in den Boden eingelassenen Denkmal leerer Bücherregale. Hier wurden von den Nazis Deine und viele andere Bücher verbrannt, und Auschwitz folgte...
Deinen Kritikern begegnetest Du mit Stolz: Auch war ich ihnen so weit vorausgeschritten, daß sie mich nicht mehr sahen, und in ihrer Kurzsichtigkeit glaubten, ich wäre zurückgeblieben. Doch zu hohe Intelligenz, zu viel Kunstverstand und zu viel politisches Fingerspitzengefühl verunsichert die im Hier und Jetzt mühselig sich einrichtenden Bürger und reizt sie. Wer es obendrein noch wagt, den eigenen Witz auch an den sittlichen Werten des Lebens auszulassen und diese ins Lächerliche zu ziehen, frevelt an den Grundfesten der Gesellschaft und grenzt sich selbst aus. Das ist typische "verworfenste Judenfrechheit"! Frech, schamlos, charakterlos, gesinnungslos, frivol, obszön und eitel wurdest Du genannt, nichts sei Dir heilig - haben diese Leute Deine Gedichte denn nicht gelesen?
Dort steht es doch, was Dir heilig ist! Es ist die Liebe, und immer wieder die Liebe, die Du süß und sanft-klagend, melancholisch und maliziös-sentimental, tieftraurig und ironisch und so ungeheuer privat in aller Öffentlichkeit besingst:
Du fragst mich, Kind, was Liebe ist? / Ein Stern in einem Haufen Mist.

Christine Mitlehner